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GESCHICHTE UND BEDEUTUNG
Die Geschichte des Klerusverbandes ist mehr als eine bloße Vereinsgeschichte, sie ist ein Ausschnitt bayerischer Kirchengeschichte, in dem zahlreiche Fäden der Tradition zusammenlaufen, zumal sie in eine Zeit fällt, die geprägt ist von übergreifenden Krisen und einschneidenden Wandlungen. Und von diesen Wandlungen sind auch ganz besonders die Priester betroffen, zwar nicht in ihrem Amt an sich, aber doch durch Gewichtsverlagerungen in ihrem Aufgabenbereich und durch Veränderungen in ihrer gesellschaftlichen Stellung.
»Entfaltung und Gestaltung«
War Bayern über die Jahrhunderte hin zur »Bavaria Sancta« geworden, bestimmt von seiner Kirchenlandschaft, vom Rhythmus des liturgischen Jahres sowie von den engen Verflechtungen geistlicher und weltlicher Macht, in dem der Klerus seinen angestammten Platz hatte, so ließen antiklerikale Strömungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert konkrete Überlegungen zum vereinsmäßigen Zusammenschluss der Priesterschaft aufkommen. Diese antiklerikalen Strömungen lebten aus dem Geist des Kulturkampfes und erhielten durch journalistische und literarische Veröffentlichungen stets neue Nahrung. Schließlich antwortete der Ruf nach einer Interessenvertretung des Klerus auch auf die Gründung des »Bayerischen Lehrervereins« von 1861, denn Schul-, Mesner- und Organistendienst auf seiten der Lehrer, geistliche Schulaufsicht auf seiten der Priester hatten dazu geführt, daß mancherorts Schule und Pfarrhaus in »herzlicher Feindschaft« verbunden waren. So trafen sich am 25. November 1909 etwa 600 Geistliche in Regensburg und gründeten dort den »Landesverband der katholischen geistlichen Schulvorstände Bayerns«, der sich »die christlich-religiöse Erziehung ... der vaterländischen Jugend« und die »Überwachung und Leitung der ... Schulen durch geistliche Schulvorstände« auf die Fahnen geschrieben hatte. Mit der Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht am 16. Dezember 1918 durch den nach dem Sturz des bayerischen Königshauses an die Macht gekommenen Kultusminister Johannes Hoffmann, war dem »Schulverband« zwar das Betätigungsfeld entzogen, aber auf dem Weg zu einer allgemeinen Priestervereinigung bildete der »Schulverband« doch ein solides Fundament, auf dem die priesterliche Standesorganisation aufbauen konnte. Aber nicht nur in schulischer Hinsicht hatte die Revolution in Bayern für die Geistlichkeit neue Voraussetzungen geschaffen, mit der Machtübernahme des aus Berlin gebürtigen Sozialdemokraten Kurt Eisner und seiner Revolutionsregierung war auch eine fast 800 Jahre währende Kontinuität wittelsbachischer Kirchenpolitik abgebrochen. Für Michael Kardinal Faulhaber war dies der Anlass, seinen Klerus am 23. November 1918 aufzufordern, »zu erwägen, ob er nicht in einer Zeit, da alle Stände zur Vertretung ihrer Interessen eine Standesorganisation gründen, auch seinerseits ... sich organisiere, um durch planmäßiges Zusammenarbeiten seine eigenen Standesrechte, die Rechte der Kirche und damit die höchsten Interessen des Volkslebens zu verteidigen Die Mitarbeit des Klerus an der politischen Neugestaltung ist nicht bloß ein staatsbürgerliches Recht der Geistlichen, sie ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch seine Pflicht, weil es gilt, das Recht der Religion, die Freiheit der Kirche und überhaupt die idealen Werte auch im Wirtschaftsleben zur Geltung zu bringen.« Ermuntert von diesem Aufruf des Erzbischofs von München und Freising machten sich neun Priester – unter ihnen der spätere Verbandsvorsitzende Georg Böhmer, der spätere Weihbischof Dr. Anton Scharnagl und Dr. Johannes Müller, der spätere Erzbischof von Schweden – daran, »Zweck und Ziel der beabsichtigten Priestervereinigung« zu formulieren. Dies sollten sein: »Pflege eines standesgemäßen priesterlichen Lebens«, »gegenseitige Förderung«, »vertrauensvolle Fühlungnahme zwischen Bischof und Diözesanklerus«, »planmäßiges Zusammenwirken des Klerus mit den kirchlichen Oberen gegenüber Gefahren der neuzeitlichen Verhältnisse«, »Schutz und Förderung der Standesinteressen des Klerus«, »Weckung und Auswertung der im Klerus vorhandenen ideellen und materiellen Kräfte« sowie die »Schaffung und Bedienung eines ... Standesorgans«. Nachdem die wenigen Gegner einer Priesterlichen Standesvereinigung überzeugt oder wenigstens überstimmt worden waren und nachdem alle Missverständnisse, besonders im Hinblick auf die Erhaltung des »unabänderlich hierarchischen Charakters der Kirche Christi« ausgeräumt waren, konnte auf Grund dieser Satzungen am 14. Oktober 1919 der »Diözesan-Priesterverein der Erzdiözese München-Freising« gegründet werden. Die übrigen bayerischen Diözesen folgten diesem Vorbild und schlossen sich am 17. Dezember 1919 in Nürnberg in einer konstituierenden Versammlung zum »Landesverband der Diözesan-Priestervereine Bayerns«, dem späteren »Klerusverband«, zusammen. Diese Versammlung leiteten Domkapitular Thaddäus Stahler (Würzburg) und Stadtpfarrer Alois Gilg (München) als erster und zweiter Vorsitzender, Stadtkaplan Ignaz Fischer (München) und Pfarrer Alois Natterer (Unterhausen/Neuburg) als Schriftführer, Stadtpfarrer Johann Hönninger (Bamberg) als Kassierer sowie Stadtpfarrer Thomas Braun (Regensburg), Prof. Dr. Matthias Ehrenfried (Eichstätt), Pfarrer Dr. Franz Ritzer (Simbach bei Landau) und Generalsuperior Martin Wothe (Herxheim) als Beisitzer, schließlich Pfarrer Franz Werthmann (Würzburg) als Landessekretär. Thaddäus Stahler (1857–1938), der beharrliche und ruhige spätere Würzburger Dompropst, führte den Klerusverband in der Zeit der »Entfaltung und Gestaltung« (1920–1933). Er wurde anläßlich seines Goldenen Priesterjubiläums (1931) von Kardinal Faulhaber geehrt: »Daß die Priestervereine reibungslos feste Gestalt angenommen haben, und, was die Hauptsache ist, über das bloße Organisieren hinausgekommen sind und tatsächlich für unseren Klerus in geistlicher und wirtschaftlicher Hinsicht ein Segen wurden, ist Dein großes Verdienst.« Von seiner geistig-geistlichen Prägung her berief sich der neu konstituierte Verband auf drei große Gestalten aus den Anfängen der katholischen Restauration: auf Johann Michael Sailer (1751–1832), den charismatischen Lehrer, dessen Geist mehrere Theologengenerationen im Sinne weltoffener Irenik und romantischer Frömmigkeit bestimmt hat; auf den Würzburger Weihbischof Gregor Zirkel (1762–1817), den gewandten Organisator in der Restaurationszeit und auf Johann Adam Möhler (1796–1838), den Frühvollendeten, den Ludwig I. 1835 von Tübingen nach München geholt hatte und der mit seiner »Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten« eines der wesentlichen theologischen Werke des 19. Jahrhunderts geschrieben hatte. Kirchlich war der Verband ohne Kompromisse an Rom orientiert, politisch vertrat er grundsätzlich die Ziele der Bayerischen Volkspartei und im übrigen hatte er in den revolutionären Wirren nach dem Sturz der Monarchie vorerst die Parole »Ruhe und Ordnung« ausgegeben, treu gegen »Volk und Vaterland« und fern von allen Extremen. Anlässlich des Katholikentages 1922 in München gingen dann die bayerischen Priestervereine zum ersten Mal mit einer Großkundgebung an die Öffentlichkeit. Vor illustren Gästen – unter ihnen Nuntius Eugenio Pacelli – beschwor der Eichstätter Professor und spätere Bischof von Würzburg Dr. Matthias Ehrenfried in seinem von Enthusiasmus getragenen Referat die Treue der Priestervereine zu Kirche und Bischof, ihre Universalität und schließlich ihre brüderliche Solidarität, wozu vor allem das aus den »Blättern für den katholischen Klerus« hervorgegangene »Klerusblatt« bis heute als verbindendes Organ, aber auch die Hilfsbereitschaft bei Rechtsfragen und die gemeinsamen Kurse über Probleme der Seelsorgepraxis beitragen. Zu dieser Kundgebung erschien auch Kardinal Faulhaber, der in seinem Grußwort der Priestervereinigung sein volles Vertrauen aussprach und ihr vor allem drei Gruppen ans Herz legte: die Kranken, die Alumnen und jene, die »ihren Priesterrock an den Nagel gehängt haben«. Um dieser Aufgabe, die nebenamtlich nicht mehr zu leisten war, gerecht zu werden, wurde 1925 die Gründung eines Landessekretariats beschlossen. Es bekam seine Amtsräume im traditionsreichen Asamhaus in München; für die Leitung der neuen Geschäftsstelle wurde Alois Natterer gewonnen, der sich mit Energie seiner Aufgabe widmete, der auch aufs Land hinausging und im persönlichen Gespräch den Kontakt zu seinen Amtsbrüdern herstellte. Nicht zuletzt ist Alois Natterer jene Festschrift zum 25jährigen Jubiläum des Klerusverbandes zu danken, in der er mit großem Fleiß und mit der Begeisterung dessen, der »dabei« war, Dokumente und Fakten zusammengetragen hat, wobei auf jeder Seite eine mit Stolz erfüllte Liebe des Autors zur »Bavaria Sancta« durchschimmert. Der Titel dieser Festschrift lautet: »Der bayerische Klerus in der Zeit dreier Revolutionen« (München 1946). Der Erfolg bestätigt die Arbeit des Verbandes: Bis 1939 sind 6200 Mitglieder verzeichnet, denen die Verantwortlichen bei vielfältigen Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen, und der Landessekretär selber erläutert die in vier Gruppen unterteilten Hilfeleistungen: Da ist zum einen die Auskunfts- und Beratungsstelle, die bei rechtlichen und finanzrechtlichen Problemen sowie bei Fragen des Schul- oder Fürsorgewesens weiterhilft. Zum anderen gibt es die Rechtsschutzstelle. Sie vermittelt bei Streitfällen, trägt notfalls auch einen Teil der Anwaltskosten, ist im übrigen aber stets um einen friedlichen Ausgleich bemüht. Als drittes nennt Alois Natterer die »Apologetische Abteilung«, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kirche und Klerus gegen Angriffe von außen in Schutz zu nehmen, gegen ungerechtfertigte Vorwürfe in der Presse zu verteidigen und im Kontext der Geschichte richtig darzustellen, wobei Natterer am Schluss fragt »Hätte auf diesem Gebiete nicht noch mehr geschehen können und müssen?« Dabei geht es nicht nur um Apologie, sondern auch um positive Anstöße, um Informationen und Kurse, etwa über Bayern, Kunst und Kultur, die freilich nicht im erwünschten Ausmaß angenommen werden und bald wieder eingestellt werden müssen. Die vierte und vielleicht wichtigste Abteilung schließlich ist die »Klerushilfe«. Nach dem Motto »Venite ad me omnes, qui laboratis er onerati estis: Ego reficiam vos!« (Mt 11,28) versucht der Klerusverband hier, in Not geratenen Priestern, Diakonen und Ordensleuten nach Kräften zu helfen: in wirtschaftlicher Not, bei Krankheit, bei finanziellen Schwierigkeiten wegen leichtsinnig eingegangener Bürgschaften, bei seelischen Problemen, selbst für Priester, die sich von der Kirche abgewandt haben, bleibt die Türe nicht verschlossen. Eine Bewährungsprobe für den Klerusverband war dann die Krise des »Wirtschaftlichen Verbandes der katholischen Geistlichen«, der »LIGA«, die am 27. Oktober 1919 aus dem 1917 gegründeten Ökonomiepfarrerverband« hervorgegangen war. 1927 hatte nun die LIGA kräftig unter den Folgen von Weltwirtschaftskrise und Inflation zu leiden, außerdem mußten Fehlinvestitionen, unzureichend ausgebildetes Personal und Fehler in der Buchhaltung festgestellt werden. Zwar war die LIGA als selbständige Organisation gegründet worden, aber durch die Tatsache, daß im Vorstand von LIGA und Klerusverband jeweils Vertreter der anderen Organisation saßen und daß die Mitglieder bei beiden Verbänden so ziemlich die gleichen waren, war jetzt doch enge Solidarität gefordert. Diese Solidarität bewährte sich bei der LIGA-Generalversammlung am 23. November 1927, als in harmonischem Einvernehmen eine Erhöhung des Geschäftsanteils von 20 auf 100 Reichsmark sowie die Hinzuziehung von Wirtschaftsfachleuten und Juristen zur erfolgreichen Sanierung der LIGA beschlossen wurden. Mit dieser Strategie hat sich die LIGA einen festen Platz unter den Geldinstituten erobert und bis heute behauptet. 1992 konnte sie an ihrem Stammsitz in Regensburg ihr 75jähriges Jubiläum feiern, das mit einer 230 Seiten starken Festschrift (hg. von M. Wagner-Braun und A. Hierhammer) und mit einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. würdig begangen wurde. Heute ist sie nicht nur in den bayerischen (Erz-)Diözesen sowie in der Diözese Speyer vertreten, sie hat auch eine Filiale in Dresden, eine Repräsentanz in Stuttgart und sie hat ihr Geschäftsgebiet auf die Erzdiözese Freiburg sowie nach Österreich ausgedehnt. Waren die Beziehungen des Klerusverbandes zur LIGA auf Grund »verwandtschaftlicher« Verhältnisse entstanden, so gab es auch »freundschaftliche« Beziehungen zu anderen Organisationen, entsprechend den Worten Kardinal Faulhabers von 1924, wonach die »Losung der Stunde die Sammlung aller positiven Kräfte und Werte, nicht die Entzweiung sein« müsse. Da gab es etwa Kontakte zum »Wehrverband«, der in den Revolutionswirren von 1918/19 zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gegründet worden war und der in der Person des von Hitler 1933 verhafteten Forstrats Georg Escherich einen vertrauensvollen Vertreter hatte; oder es gab Begegnungen mit Männern des Geisteslebens wie dem Herausgeber der »Süddeutschen Monatshefte«, dem jüdischen Professor Paul Coßmann, der die Religion ins öffentliche, politische Leben tragen wollte und in den gemeinsamen Bemühungen der beiden großen christlichen Kirchen die letzte Möglichkeit zum Abwenden der heraufziehenden »braunen Gefahr« erkannte. Auch er wurde 1933 verhaftet und ist 10 Jahre später in Theresienstadt ums Leben gekommen. Und schließlich suchte der Klerusverband Kontakte zum »Bayerischen Lehrerverein«, um das historisch vorbelastete »Verhältnis von Pfarrhaus und Schulhaus zu entgiften«. Wenn diese freundschaftlichen Verbindungen dem guten Einvernehmen im eigenen Land dienen sollten, so wollte die »Internationale Kath. Aktion« zum friedlichen Miteinander über die Landesgrenzen hinaus beitragen. In diesem Sinne wurde 1923 das »Internationale Klerussekretariat« mit Sitz in Madrid (später in der Schweiz und in Siena) gegründet, dem sich die Priestervereinigungen Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Jugoslawiens, Polens, Österreichs, Spaniens und der Schweiz anschlossen. Dabei ging es nach dem Motto »Pax Christi in regno Christi« zunächst ganz allgemein um Friede und Verständigung, aber darüber hinaus auch um die Förderung der Brüderlichkeit unter dem Weltklerus, die beim Ordensklerus in Form von Gastrecht und gegenseitiger wissenschaftlicher Unterstützung längst praktiziert wurde.
»Prüfung und Bewährung«
Freilich, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bzw. mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden diese Verständigungsbemühungen, wenn nicht unterbrochen, so doch empfindlich gestört. Zwar hatte Hitler bekanntlich zunächst seinen Willen zum guten Einvernehmen mit den beiden christlichen Kirchen bekundet, »die wichtige Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums« seien, aber in Wahrheit zeigte sich doch mehr und mehr die Tendenz, alle Kräfte, die sich nicht den Zielen der NSDAP anschlossen, aus- bzw. »gleichzuschalten«. Daran konnte auch das Konkordat nichts ändern, das auf Hitlers Betreiben 1933 zwischen dem Hl. Stuhl und dem Deutschen Reich zum Abschluß gebracht wurde. Es bildete lediglich die Verteidigungslinie und die Grundlage für – allerdings meist wirkungslose – Beschwerdebriefe an die zuständigen staatlichen Stellen bei Konkordatsverletzungen. In diesem Reichskonkordat waren unter anderem die Rechte und Pflichten der katholischen Verbände verankert, die unter der Führung ihres jeweiligen Präses mehr oder weniger zu Zentren antinationalsozialistischen Denkens wurden. So konnte es nicht ausbleiben, daß die Wirkungsfelder dieser Verbände von den staatlichen Behörden zunehmend eingeschränkt und ihre Rechte mißachtet wurden. Ein deutliches Signal für den Kurs der nationalsozialistischen Regierung war dann der »Gesellentag« im Juni 1933 in München, der wegen der Auflagen, Störungen und Mißhandlungen von seiten der NS-Organe vorzeitig abgebrochen werden mußte. Hierher gehört auch fünf Jahre später der Anschlag auf das Erzbischöfliche Palais Kardinal Faulhabers, dem man es nicht vergessen konnte, daß er mit seinen Adventspredigten und der Silvesteransprache 1933 deutlich gegen den Nationalsozialismus Stellung genommen und damit die Marschroute für das ganze Erzbistum abgesteckt hatte. Neben solchen gewaltsamen Aktionen bedienten sich die Nationalsozialisten auch der spitzen Feder gegen Priester und kirchliche Stellen: Es ging um Devisenschieberprozesse, aufgebauschte Sittlichkeitsskandale und Pressekampagnen. Davon war auch das Landessekretariat des Klerusverbandes betroffen, als im »Völkischen Beobachter« die Anklage erhoben wurde, daß sich im »Priesterhaus die Hetzzentrale der KPD« befinde. Bei der folgenden Hausdurchsuchung wurden dann zwei verrostete Revolver als »Waffenlager« und eine Schreibmaschine als »Geheimdruckerei« entlarvt. So waren mit dem Einbruch des Nationalsozialismus auch neue Schwerpunkte in der Arbeit des Klerusverbandes erforderlich geworden. In erster Linie mußte die Einheit der Katholischen Kirche gewahrt und gefestigt werden. Dabei war das »Klerusblatt« ein wichtiges Verbindungsorgan, das zwar dem Pressegesetz und einer gründlichen Zensur unterlag, aber unter der Rubrik »Zeitenschau« mit Zitaten aus bereits veröffentlichten Beiträgen doch deutlich den gemeinsamen Kurs vorgeben konnte. Zum zweiten mußte jenen Geistlichen geholfen werden, die in die Mühlen der Gestapo und der Justiz geraten waren, den meisten, weil sie angeblich gegen das »Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutze der Parteiuniform« oder gegen den »Kanzelparagraphen« verstoßen hatten. Für sie vermittelte der Klerusverband die Anwaltskanzlei Dr. Warmuth – Simon – Dr. Haus, die mit Geschick und Loyalität in vielen Fällen helfen konnte. Und drittens ging es um die psychologische Stärkung: In diesem »Kleinkrieg«, wo Pfarrhäuser demoliert wurden, wo Versammlungen der katholischen Verbände gesprengt wurden, wo manche Geistliche draußen auf dem Land einsam in ihren Pfarrhöfen zum Teil in Furcht vor Spitzel- und Denunziantentum lebten, vermittelten die gemeinsamen Treffen eine gewisse Geborgenheit, munterten auf und lieferten Informationen. Indes, zunehmend schwanden alle Hoffnungen auf eine friedliche Koexistenz von Kirche und Staat. Den Nationalsozialisten war die Kirche als festgefügte Organisation ein Dorn im Auge. Sie versuchten, die »Entkonfessionalisierung« des öffentlichen Lebens voranzutreiben und schränkten alle Aktivitäten der katholischen Verbände auf den rein kirchlichen Raum ein, wovon besonders die Jugend betroffen war. Denn alles, was Jugendlichen Freude bereitet, – so Reichsjugendführer Baldur von Schirach – sollte den nationalsozialistischen Jugendorganisationen vorbehalten bleiben. In dieser Situation, da die NS-Ideologie der Katholischen Kirche das Wasser abgraben wollte, wirkten mehrere Faktoren zusammen: Da waren einmal die Gläubigen, die gerade in Bayern mit Überzeugung, aber auch mit einer gewissen »jetzt-erst-recht«-Mentalität auf ihren christlichen Grundsätzen beharrten: Nur sehr wenige traten aus der Kirche aus, und als im April 1941 der bayerische Kultusminister Wagner die Entfernung der Schulkreuze anordnete, ging ein einmütiger Protest durchs Land, der schließlich zur Aufhebung des ministeriellen Edikts führte – ein Protest, der sich zwar an einem äußeren Zeichen entzündete, der aber doch den Kern des Christentums betraf. Da war auf der anderen Seite der Klerus. Er wußte sich gestützt von Rom, wo Pius XI. mit seiner von Kardinal Faulhaber entworfenen Enzyklika »Mit brennender Sorge« für alle Welt vernehmbar die Unterdrückung der Kirche in Deutschland angeprangert hatte; er wußte sich auch bestärkt vom Episkopat, der im klugen Taktieren zwischen Anpassung und Widerstand die Richtung vorgegeben hatte, und er wußte sich verbunden in der Gemeinschaft des Klerusverbandes, wo die gemeinsamen Probleme besprochen wurden, wo Rechtshilfe erteilt wurde, wo nicht zuletzt das »Klerusblatt« für den inneren Zusammenhalt sorgte, wenn auch das Pressegesetz der Redaktion enge Grenzen setzte. Als 1937/38 und 1939/40 das Klerusblatt für acht bzw. neun Monate von der Reichspressekammer verboten wurde, sorgten mit der Post verschickte »Verbandsnachrichten« für Ersatz. 1943 schließlich mußte das »Klerusblatt« mit der in Würzburg erscheinenden Predigtzeitschrift »Haec loquere et exhortare« zusammengelegt werden, deren Februar-Nummer des Jahres 1945 beim Luftangriff auf Würzburg vernichtet wurde. Jedenfalls kann das »Klerusblatt« als Beispiel dienen, wie schwierig es in dieser Zeit war, einerseits der eigenen Überzeugung treu zu bleiben, andererseits aber nicht durch zu deutliche Äußerungen ein Verbot des Vereinsorgans zu provozieren. Der Kriegsbeginn 1939 brachte zwar eine gewisse Zäsur im Kampf gegen die Kirche – zu sehr waren alle Aufmerksamkeiten auf die militärischen »Erfolge« konzentriert –, aber die nationalsozialistischen Parolen ließen keine Zweifel daran, daß nach dem Krieg die »inneren Feinde drankommen«, »nach den Juden die Pfaffen«. Die Methoden des Kampfes gegen die Kirche wechselten. Als Einschränkungen und Repressalien nicht zum Erfolg führten, versuchte man einige Geistliche für den Nationalsozialismus zu gewinnen und so einen Keil in den Klerus zu treiben. Angesichts der bisherigen Erfahrungen aber mußte dieses Vorhaben scheitern, und Geistliche vom Schlag eines Abt Alban Schachleiter aus dem Emmaus-Kloster in Prag, den die NSDAP zum Erweis für das mögliche »gute Einvernehmen« zwischen Staat und Kirche vor sich hertrug, blieben doch die große Ausnahme. In der Absicht, die Katholische Kirche oder einzelne Geistliche vor den nationalsozialistischen Wagen zu spannen, drangen Spitzel »mit biedermännischer Maske« auch ins Landessekretariat ein und versuchten – wenn auch vergeblich – Bischöfe und Priester gegeneinander auszuspielen; dann sollte das Klerusblatt »dem immer wiederkehrenden Vorwurf des Auslandes entgegentreten, daß im Dritten Reich die Kirche verfolgt würde«, eine Bitte, die nur bei offensichtlichen Falschmeldungen erfüllt werden konnte, und schließlich sollte ein Rundbrief an mehrere Geistliche für Verwirrung sorgen. Er war vom »derzeitigen Beauftragten« eines – wohl nicht existenten – »Pfarrer-Notbundes« unterzeichnet, pries die polnischen Bischöfe, die in »heiliger Begeisterung« und »glühendem Nationalismus ... die Belange ihres Volkes und Staates« verträten und forderte die Priester in Deutschland auf, ein Gleiches von ihren Bischöfen zu verlangen. Freilich, bei der tatsächlichen Unterdrückung der Kirche mußten solche propagandistischen Aktionen ins Leere gehen. Jedenfalls war die Anzahl der »kooperierenden« Priester so gering, daß sie hier getrost übergangen werden kann. Vielmehr verdienen einige, stellvertretend für viele genannt zu werden, die unter dem nationalsozialistischen Terror zu leiden hatten oder für ihre Glaubensüberzeugung und ihre Treue zum priesterlichen Amt gestorben sind. Alois Natterer hat all diesen »Opfern von Brutalität und Bestialität« in seiner Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Klerusverbandes ein Denkmal gesetzt. Und er ist ein zuverlässiger Gewährsmann, denn sein Landessekretariat war die Anlaufstelle: dorthin wurden viele Übergriffe auf die Rechte der Geistlichen gemeldet und dort konnte man sich Rat, notfalls auch Rechtshilfe holen. So wurden mehrere Fälle gemeldet, wo Geistliche unter einem Vorwand den Schul- bzw. Hochschuldienst verlassen mußten, etwa der Passauer Hochschulrektor Prof. Dr. Franz X. Eggersdorfer, dessen Schriften vernichtet wurden und der auf seine Lehrtätigkeit verzichten mußte. Da den Nationalsozialisten der direkte Zugriff auf den Seelsorgeklerus verwehrt war, wurden Geistliche – z.B. in Illerbeuern und Traunstein – durch Drohungen, Überfälle und Attentate von ihrem Posten vertrieben. Daß solche Drohungen durchaus ernst zu nehmen waren, berichtete dem Landessekretariat etwa der 65jährige Pfarrer Johann B. Stuber aus Wunsiedel, der – wie übrigens auch sein evangelischer Amtsbruder – in einer kalten Novembernacht aus dem Bett geholt, übel beschimpft und verprügelt wurde. Schutzhaft, Aufenthaltsverbot, Sicherungsverwahrung, Isolierung, schließlich Einlieferung ins Konzentrationslager waren die Willkürmaßnahmen, welche die »Reichsfeinde«, darunter viele katholische Priester, zu erdulden hatten. – Es kann hier nicht um das Thema »Kirche und Nationalsozialismus« gehen, auch nicht um eine Ehrentafel all jener, die im »Priesterblock 26« in Dachau einsitzen mußten, aber an Namen wie Michael Höck, Johannes Neuhäusler, Emil Muhler und P. Rupert Mayer SJ kommt man nicht vorbei. Und schließlich müssen noch jene Priester aus den Reihen des bayerischen Klerus genannt werden, die in Dachau umkamen, wie Dr. Otmar Mauerer aus der Diözese Passau, Pfarrer Wilhelm Caroli aus dem Bistum Speyer, Georg Häfner aus Würzburg, Stadtpfarrer Johann Baptist Huber aus Landau, Bernhard Heinzmann aus Illerbeuern oder jene, die zum Teil in sinnloser Wut im Endkampf eines längst verlorenen Krieges hingerichtet wurden: Dr. Max-Josef Metzger aus Meitingen, Pfarrer Ludwig Mitterer aus Otterskirchen, Pfarrer Josef Losch aus Mießbrunn, Kaplan Hermann Joseph Wehrle und P. Alfred Delp SJ aus München, Dr. Hans Maier aus Regensburg, August Wagner aus Ebrantshausen, Adalbert Vogl aus Altötting, Johann Winkler aus Hutthurm, Josef Grimm aus Götting und Joseph Heinrich aus Mamming. Insgesamt verzeichnet das Landessekretariat während des Dritten Reiches 1015 Verfahren mit Geistlichen vor Gericht, wofür der Klerusverband 100000 RM zur Verfügung stellte; 120 davon endeten mit Haftstrafen, 48 mit hohen Geldstrafen und 12 mal wurde das Todesurteil gesprochen. Mitten in den Turbulenzen der letzten Kriegsjahre traf den Klerusverband am 18. August 1943 der Tod seines ehemaligen Vorsitzenden Georg Böhmer, der von 1933 bis 1942 an der Spitze der Priestervereinigung gestanden hatte. Aus einfachen Verhältnissen stammend, war er, gefördert von seinem geistigen Mentor und Vorgänger als Pfarrer in München-Sendling, Alois Gilg, zu einer kraftvollen Priesterpersönlichkeit gereift, temperamentvoll aufbrausend, klug und vorsichtig bei Verhandlungen, hilfsbereit und versöhnlich, dabei ein unermüdlicher Arbeiter mit einer peinlichen Ordnungsliebe und genauester Zeiteinteilung, ein Mann, der mehrere Ämter auf sich vereinigen konnte, der wichtige diözesane Einrichtungen ins Leben gerufen hatte und für den Bau von 24 neuen Kirchen verantwortlich war. Als Böhmers Nachfolger war 1942 Franz Stadler gewählt worden, dessen Aufgabe es war, den Klerusverband über den Zusammenbruch des Dritten Reiches hinüberzuretten. Auch er blieb nicht verschont von nationalsozialistischem Terror: Noch im Januar 1945 brachte man ihn gefesselt nach Berlin, wo er wegen angeblicher Verbindungen zu den Verschwörern des 20. Juli quälenden und langwierigen Verhören unterzogen wurde.
»Unser Klerusverband geht als gesunder ... Gottesbaum aus diesem Sturme hervor.«
In den Bombennächten des Jahres 1945 waren viele traditionsreiche Gotteshäuser in Schutt und Asche niedergesunken. Und doch war es für viele ein Zeichen der Hoffnung, als Kardinal Faulhaber in jener erschütternden ersten Fronleichnamsprozession nach dem Krieg das Allerheiligste durch das zertrümmerte München trug: Die Kirche hatte als einzige bedeutende Organisation geschlossen den nationalsozialistischen Terror überdauert und mit ihr der Klerusverband, so daß Prälat Stadler in der ersten Ausgabe des Klerusblattes nach dem Krieg im Oktober 1946 den Priestern zurufen konnte: »Unser Klerusverband geht als gesunder, lebenskräftiger, wenn auch heftig gerüttelter Gottesbaum aus diesem Sturme hervor.« Schließlich gehört hierher die grundsätzliche und gerade von Kritikern der Kirche oft gestellte Frage: Hätte die Katholische Kirche nicht noch eindeutiger und radikaler Stellung nehmen müssen gegen das Dritte Reich, hätten nicht aus den Reihen der Priester mehr Persönlichkeiten aufstehen müssen, die ohne jeden Kompromiß für ihren Glauben und die Lehre der Kirche kämpften? Einige Antworten auf diese Fragen geben der Verbandsvorsitzende Dr. h.c. Franz Stadler und sein Landessekretär Alois Natterer in der ersten Ausgabe des »Klerusblattes« nach dem Krieg: Es ging in dieser Zeit meist nicht um die große Aktion, sondern um das Bestehen im täglichen Kleinkrieg um das stete Taktieren zwischen Anpassung und Widerstand, der oft an anderer Stelle nur noch größere Repressalien provoziert hat. Die nationalsozialistische Propaganda wollte keine Märtyrer, an deren Gräbern sich neuer Widerstand gesammelt hätte, sie wollte viel mehr das langsame Abgraben und Einschnüren. Und schließlich mußte die Katholische Kirche bei aller Ablehnung gesprächsbereit bleiben für eine Regierung, deren Ende noch nicht abzusehen war. Nach dem Rückblick auf die Jahre der Unterdrückung und einem Gedenken an die Opfer des NS-Terrors sind die ersten Hefte des wiedererstandenen und auch von Pius XII. freudig begrüßten Klerusblattes hauptsächlich der Aufmunterung und dem Wiederaufbau gewidmet. Inzwischen war nach dem plötzlichen Tod des engagierten Prälaten Prof. Dr. Joseph Gmelch, der das Klerusblatt anfangs zusammen mit seinem Freund Prof. Dr. Ludwig Bruggaier, dann seit 1939 allein bis zum Verbot 1943 redigiert hatte, Alois Natterer als Hauptschriftleiter eingesprungen, und er gab auf der ersten Generalversammlung des Klerusverbandes nach dem Krieg – am 23./24. Juli 1947 im Kloster Schäftlarn – den Lagebericht: Die Mitgliederzahl war von ca. 4000 bei der Gründung nach einem Höchststand im Jahr 1939 bei etwa 6200 nun wieder auf etwa 5000 gesunken; das Vereinsvermögen war infolge von Kriegsschäden um ca. 20 Prozent gesunken; in der Rechtsschutzabteilung, wo in den Jahren 1933 bis 1945 jährlich etwa 85 Fälle anstanden, war 1946 nur dreimal Hilfe nötig, die apologetische Abteilung konnte und mußte mit der allseits wiedererlangten Pressefreiheit ihre Arbeit gegen die üblichen Angriffe wieder aufnehmen, und aus der Abteilung »Klerushilfe« konnte der Erwerb eines »Objektes« in München gemeldet werden, in dem vor allem Emeriten und Studenten Unterkunft finden sollten. Konkret ging es auch um den Wiederaufbau der Bibliothek an der Theologischen Fakultät in Würzburg und um die neue Seelsorgssituation, die der Krieg mit Vertreibung und Umsiedelung gebracht hatte. Schließlich sandte der Klerusverband »dem hochverehrten Oberhirten der Erzdiözese München-Freising, seinem treuen, in Freud und Leid gleich wohlwollenden Schutzherrn« den »Treugruß« und dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Hans Erhard versprach er »aktive Mitarbeit am Wiederaufbau des Vaterlandes«. 1946 war Alois Natterers bereits erwähnte umfassende Dokumentation »Der bayerische Klerus in der Zeit dreier Revolutionen« zum 25jährigen Jubiläum des Klerusverbandes erschienen, ein ungeheuer fleißiges Werk, das zusammen mit Johannes Neuhäuslers »Kreuz und Hakenkreuz« (München 1946) zu den unverzichtbaren Quellen bei der Beschäftigung mit der bayerischen Kirche im Dritten Reich gehört und als solches auch von Papst Pius XII. in einem Handschreiben an den Autor gewürdigt wurde. Für die Zeit nach 1945 gibt es bisher keine zusammenfassende Darstellung über den Klerusverband. Die Quelle dafür ist das »Klerusblatt«, das ja wie ein Seismograph die bayerische Kirchengeschichte begleitet. Dabei ist das »Klerusblatt« kein Regionalanzeiger der bayerischen Bistümer einschließlich Speyers, es informiert über die Landesgrenzen hinaus auch über Ereignisse der Weltkirche und hält unter der Rubrik »Aus der Vatikanstadt« die Verbindung mit Rom. Wesentliche Bestandteile des Klerusblattes sind naturgemäß die Personalia: sie berichten über, Ernennungen, Berufungen, Jubiläen, sie bringen Nachrufe von Bischöfen sowie von verdienten Verantwortlichen des Klerusverbandes, wodurch das Blatt eine Art aufgefächerter Bistums und Verbandsgeschichte schreibt. So etwa beim Tod des Würzburger Bischofs Matthias Ehrenfried am 30. Mai 1948, der aus der Zeitschrift »Christliche Schule« im Jahr 1919 das »Klerusblatt« entwickelt und bis zu seiner Berufung auf den Bischofsstuhl 1924 als Schriftleiter begleitet hatte. Als sein Nachfolger steuerte der spätere Eichstätter Generalvikar und Dompropst Dr. Ludwig Bruggaier zusammen mit Dr. Josef Gmelch das Klerusblatt von 1925 bis 1937, wobei er – wie es im Nachruf (1970) heißt – »mit Umsicht und Festigkeit christliche Geisteshaltung und Weltanschauung gegen die Willkür und den Ungeist der nationalsozialistischen Machthaber« verteidigte. Fixpunkte eines jeden KlerusblattJahrgangs sind die alljährlichen und abwechselnd in den sieben bayerischen Diözesen sowie im Bistum Speyer tagenden Generalversammlungen des Verbandes: die Einladung, die Grußworte des gastgebenden Ortsbischofs und dann die Tagungsergebnisse mit Berichten über Mitgliederstand, Finanzen und mit Informationen über die unveränderten Säulen des Klerusverbandes: Beratung, Rechtsschutz, apologetische Abteilung und Klerushilfe. Darin enthalten sind auch die nicht zu unterschätzenden Verhandlungsergebnisse, die der Klerusverband in allen Fragen der Besoldung, Krankenversicherung und Altersversorgung von Priestern und deren Hausangestellten erzielt hat. Darüber hinaus bietet das Klerusblatt Aufsätze aus allen Bereichen der Theologie. Einige davon sind aus der Zeit heraus und lediglich für den Tag geschrieben. Aber beim Durchblättern von über 80 Jahrgängen ist man doch sehr oft zum Verweilen eingeladen und man bedauert bei manchen grundlegenden und von literarischer Kraft geprägten Beiträgen, daß sie nicht einem breiteren Kreis von Lesern zugänglich sind. Bei der Fülle von illustren Autorennamen – kaum einer aus der katholischen Geisteswelt ist nicht vertreten – verbietet es sich eigentlich, den einen oder anderen herauszugreifen, aber wenn es hier dennoch geschieht, dann nur mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Willkürlichkeit dieses Herausgreifens. Da das »Klerusblatt« – wie Alois Natterer anläßlich der erwähnten Generalversammlung in Schäftlarn betont – zu 93 % von Seelsorgern gelesen wird, nehmen pastorale Themen und praktische Hinweise für Priester einen breiten Raum ein. Da gibt es Informationen über die angebliche Marienerscheinung in Heroldsbach (1950), über die Zeugen Jehovas (1941) und über den Stand der Grabungen unter der Peterskirche in Rom (1950) bis hin zu dem Thema »Wie braue ich mir selbst gesundes Kunstbier für den Pfarrhof«. Aber abseits solcher Kunstbier-Kuriosa gibt es im »Klerusblatt« zahlreiche theologische, pastorale und juristische Beiträge. Für letztere zeichnete bis zu seinem Tod (1955) fast ausschließlich der Münchner Weihbischof Dr. Anton Scharnagl verantwortlich. Er war schon bei der Gründung des Klerusverbandes dabei gewesen, war Professor für Kirchenrecht in Freising, 1919 bis 1933 Abgeordneter im bayerischen Landtag und hatte maßgebend am Entstehen des bayerischen Konkordats von 1925 mitgewirkt. Scharnagl, der zu seinem goldenen Priesterjubiläum (1951) im »Klerusblatt« gebührend geehrt wird, gehört zur alten Garde, von der Natterer sagt: »Wir Alten müssen daran denken abzudanken und anderen Platz machen.« Dementsprechend teilt sich Natterer seit 1946 mit Ludwig Rindfleisch die Arbeit im Landessekretariat und mit Prof. Dr. Joseph Mayer die Schriftleitung des Klerusblattes, die beide bald darauf als alleinige »Ressortchefs« firmieren. Gerade in der Nachkriegszeit, als in den meisten Pfarrhäusern die einschlägigen Informationsquellen fehlen, macht Prof. Mayer († 1967) das Klerusblatt zu einer wertvollen Materialsammlung. Außerdem kann er das bereits seit 1922 erscheinende »Pfarramtsblatt«, das alle für Priester wichtigen Erlasse der kirchlichen und weltlichen Behörden zusammenfaßt, zum 1. Januar 1950 wieder ins Leben rufen. Und wenn er auch das »Klerusblatt« zum 1. Januar 1956 in jüngere Hände gibt, so bleibt er dem »Pfarramtsblatt« doch bis 1963 als Schriftleiter verbunden. Sein Nachfolger wird Dompropst Josef Lederer (Eichstätt), der das »Pfarramtsblatt« fast 30 Jahre begleitet und 1992 an den Eichstätter Kirchenrechtler Prof. Dr. Peter Krämer weitergibt; ab Januar 1997 wurde das »Pfarramtsblatt« vom Geschäftsführer des Klerusverbandes, Dr. Florian Trenner, betreut. Einen deutlichen Einschnitt – nicht nur in der Geschichte des Klerusverbandes – bedeutet der Tod von Kardinal Faulhaber am 12. Juni 1952. In der Trauerpredigt und im Nachruf nennt ihn Weihbischof Scharnagl den eigentlichen Gründer des Klerusverbandes, der schon zwei Wochen nach dem Sturz der Monarchie an die Priester den Aufruf zum Zusammenschluß ausgegeben hatte, und er bezeichnet den Tod des Kardinals vorausschauend und zurecht als das Ende einer Epoche. In der Tat hatte ja der Kardinal in den 40 Jahren auf dem Stuhl des hl. Korbinian wie kein anderer die Geschicke der Erzdiözese bestimmt und sie von der Monarchie über Revolutionen, Terror und Kriege bis in die ersten Jahre der jungen Bundesrepublik begleitet. Mit seinem Nachfolger Joseph Kardinal Wendel, der wenige Wochen später im Klerusblatt mit dem Treuegruß willkommen geheißen wird, zieht dann eine neue Generation ins Erzbischöfliche Palais ein. Dennoch bleibt der Geist Faulhabers auch über dessen Tod hinaus lebendig, dessen Forderung nach Sammlung aller positiven Kräfte und Werte auch heute noch seine Gültigkeit hat und etwa 1953 in den Abkommen des Klerusverbandes mit dem »Evangelischen Pfarrverein« und mit dem »Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband« – unter Respektierung der jeweiligen Unterschiede – eine konkrete Erfüllung erfahren hatte. In den fünfziger Jahren rücken auch in der Leitung des Klerusverbandes jüngere Kräfte nach. So schreibt im Klerusblatt Nr. 1 des Jahres 1955 Dr. Joseph Holzer als neuer Vorsitzender des Verbandes zum ersten Mal den Neujahrsgruß an die Mitglieder; ein Jahr später teilt sich Prof. Mayer die Schriftleitung des Klerusblattes mit Leon von Kukowski, der 1957 die alleinige Verantwortung übernimmt und mit neuen Ideen und Anregungen aus der Leserschaft dem Blatt zu mehr Breitenwirkung und Aktualität verhelfen möchte, was sich im Laufe der folgenden Jahre schon äußerlich durch reichere Bebilderung – vor allem zu moderner Kirchenkunst – durch einen Anzeigenteil und einen größeren Umfang ausdrückt. Ein großer Verlust für den Klerusverband ist der Tod des unermüdlichen Prälaten Alois Natterer am 8. Februar 1957, des »zähen Schwaben«, der 32 Jahre lang das Landessekretariat geleitet und die Sache des Verbandes zu seiner eigenen gemacht hatte. Die Amtsgeschäfte freilich hatte er schon ein Jahr vorher an Ludwig Rieder (1912–1996) übergeben. Und Rieder beklagt in seinem ersten Jahresbericht auf der Generalversammlung in St.Ottilien, daß vor allem aus der jüngeren Priestergeneration wenige neue Mitgliedschaften zu vermelden seien, weshalb er eine Werbeaktion anregt, die im Jahr darauf tatsächlich 251 Neuanmeldungen zeitigt. Bereits 1955 war auf der Generalversammlung beschlossen worden, die Abteilung »Klerushilfe« aus steuerlichen Gründen zu verselbständigen. Neben den traditionellen Aufgaben stand der Bau eines Priestererholungsheimes an. Den Baugrund dafür in Garmisch-Partenkirchen hatte Prälat Martin Danner durch die testamentarische Stiftung von Frau Anna Pischl erhalten, und am 19. Dezember 1957 kann Kardinal Wendel das neue »Priestererholungsheim St. Josef« feierlich seiner Bestimmung übergeben, das – inzwischen mehrfach erweitert und verschönert – nicht nur für zahlreiche Priester zu einer Stätte der Rekreation geworden ist. Bis zum 1. April 1980 wurde das Josefsheim von den Schwestern der Hl. Familie betreut, seither wirken dort die Schwestern Unserer Lieben Frau vom Provinzhaus in Vechta/Oldenburg. Zwei übergreifende Ereignisse bestimmen – auch für den Klerusverband – das Jahr 1958: Da ist zum einen die 800-Jahrfeier der Stadt München, derer das Klerusblatt mit einer Sondernummer gedenkt und in seinen Festbeiträgen dazu (u.a. von J. Spörl, R. Sattelmaier, M. Hartig, N. Lieb und H. Schnell) München als »geistliche Stadt« mit ihrer engen Verbindung zum katholischen Glauben darstellt. Zum anderen bringt das Jahr 1958 den Tod von Papst Pius XII., der ja seit seiner Zeit als Nuntius in Bayern eine besondere Beziehung zum »Land vor den Bergen« und nicht zuletzt zum Klerusverband hatte. Entsprechend würdigt ihn auch Abt Dr. Hugo Lang mit seinem Nachruf in der Nr. 21 des Klerusblattes. Schon die nächste Nummer trägt das Bild Johannes‘ XXIII., und Weihbischof Johannes Neuhäusler kann dem bayerischen Klerus das »Habemus Papam« zurufen. Bereits 1959 wirft der Eucharistische Weltkongreß des Jahres 1960 in München seine Schatten voraus, auf den das Klerusblatt seine Leser u.a. mit einer mehrteiligen Geschichte der Eucharistischen Kongresse von P. Rudolf von Moreau SJ und einem Beitrag »Eucharistie – das Leben der Kirche« von Alois Winkelhofer vorbereitet. Entsprechend steht beinahe der ganze 1960er Jahrgang des »Klerusblattes« im Zeichen des Weltkongresses, etwa mit grundlegenden Artikeln von Josef Andreas Jungmann SJ (»Corpus Christi mysticum«), Abt Emmanuel Maria Heufelder (»Die Eucharistie und die Einigung der Christenheit«), P. Raimund Ritter (»Die Eucharistiekatechese bei den Vätern«), Friedrich Zoepfl (»Die Eucharistie im Leben und Brauchtum des Volkes«) oder Joseph Ratzinger (»Grundgedanken der eucharistischen Erneuerung des 20. Jahrhunderts«). Ausführlich berichtet das »Klerusblatt« auch von jener umfassenden Ausstellung »Bayerische Frömmigkeit«, die die enge Verflechtung von Kirche, Kunst und Kultur in Bayern verdeutlicht hat. Und natürlich werden auch das Päpstliche Grußwort sowie die wichtigsten Predigten des Kongresses veröffentlicht, vor allem jene, die Kardinal Wendel am 8. Juni 1960 in der Münchener Domgruft anläßlich der Generalversammlung des Klerusverbandes gehalten hatte. Es ist eine programmatische und über den Tag hinaus gültige Ansprache, die zuerst ganz allgemein das Wesen der Institutionen als notwendig und – in der Gestalt der Kirche – als von Christus eingesetzt verteidigt: »Laßt uns nicht Formen zerschlagen, die vielleicht des Geistes entbehren, laßt uns vielmehr bemüht sein, bewährte Formen wieder mehr mit Geist zu füllen«. Eine notwendige Institution jedenfalls sei der Klerusverband, der sich, geprägt vom Gehorsam, in der gegenseitigen Unterstützung von Bischof und Priesterschaft bewährt habe, der als Gemeinschaft des »Wir« erfolgreicher sein kann als ein einzelner, und zwar nicht nur bei der Lösung von wirtschaftlichen und irdischen Fragen, sondern auch in der Stärkung der priesterlichen Haltung. Dazu sei das »Klerusblatt« ein wichtiges Organ, das der Kardinal den Priestern ausdrücklich zur Lektüre empfiehlt. Für den Klerusverband sollte dies die letzte Predigt Kardinal Wendels vor seinem überraschenden Tod in der Silvesternacht 1960/61 sein. Und der Verbandsvorsitzende Joseph Holzer ruft dem Verstorbenen Worte des Dankes nach, der seinem Klerus immer jenen Geist gewünscht habe, der in »Güte, Liebe und Freude« echter Confraternität dienen sollte. Als dann im Juni 1961 das Bild des neuen Erzbischofs von München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, auf der Titelseite des »Klerusblattes« erscheint, entbietet der Klerusverband seinem Oberhirten »in aufrichtiger Freude« den »ehrfurchtsvollen Treuegruß«, und wie so oft stellt das »Klerusblatt« auch hier ein aktuelles Ereignis in den großen Rahmen der Geschichte, ohne die ja Gegenwart nicht denkbar und verstehbar ist, etwa durch Georg Schwaigers Beitrag über »Kardinäle auf bayerischen Bischofsstühlen« (1961). Ferner feiert Speyer 1961 das 900jährige Jubiläum seines Kaiserdoms, das auch im »Klerusblatt« ausgiebig gewürdigt wird, wie überhaupt häufig die traditionelle Verbundenheit des Bistums Speyer mit den bayerischen Diözesen und ihrem Klerus – über die politischen Grenzen hinweg – betont wird. Erwähnt sei aus diesem »Klerusblatt«-Jahrgang außerdem ein grundlegender Artikel von Bernhard Häring über »Demut und Glanz der priesterlichen Berufung«.
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